Diabolos – eine Geschichte

Das alte Haendler & Natermann-Werk.
Das alte Haendler & Natermann-Werk.

Wenn Autofahrer verträumt an ihren ersten eigenen Wagen zurückdenken, taucht bei vielen ein alter, leicht angekratzter VW Käfer aus zweiter oder gar dritter Hand in ihrer Erinnerung auf und Wehmut macht sich breit. Ein ähnliches Phänomen gibt es bei Jägern: Denken sie an ihren ersten Schuss zurück, an ihre erste Jagdbeute, die meist aus einem Spatzen bestand, steht unweigerlich ein „Eierbecher“ vor ihrem geistigen Auge. (Gert G. von Harling)

Ich jedenfalls erinnere mich noch gut an meine erste bescheidene Beute, damals von mir emotional gefeiert wie heute ein kapitaler Hirsch. Ja, meine erste Beute war tatsächlich ein Spatz, den ich mit schwankendem Lauf von unserem Scheunendach herunterholte. Meine Luftbüchse hatte ich frisch geölt und diesen Geruch des feinen Ölnebels habe ich noch heute in der Nase.

Hinter dem Wort „Eierbecher“ steht ein Geschoss für meine Luftbüchse in eben dieser Form. In meinen Augen damals ein unglaublich wertvolles Gut, denn ich bekam sie von meiner Mutter zugeteilt – sparsam. Wenige Jahre nach dem zweiten Weltkrieg stellten solche Kugeln einen nicht unbedeutenden Wert dar. So erinnere ich mich an den Sonntagmorgen, als ich statt der üblichen zehn „Eierbecher“ deren zwanzig zugeteilt bekam mit dem Zusatz: „Damit du auch üben kannst.“ Dann wurde die runde, flache Dose mit dem Aufdruck ‚H&N 500 Kugeln Diabolo‘ wieder fortgeschlossen.

Damals fragte ich einen Jäger, zu dem ich bewundernd aufblickte, nach der Bedeutung von ‚Diabolo‘. „Diabolo?“, fragte er. „Das ist ein Wort für das, was du Eierbecher nennst. Aber eigentlich ist Diabolo das Wort für Teufel. Weil die eben so teuflisch gut sind.“ Wie diese kleinen Eierbecher aus weichem Metall entstehen, welche Arbeitsvorgänge notwendig sind, um aus einem Stück Blei treffsichere Gewehrkugeln herzustellen, das hat mich als Jungen damals wenig interessiert. Die Frage nach dem Ursprung stellte ich mir erst Jahre später.

Das Zauberwort ‚Qualität‘ 

In Hannoversch Münden, wo Werra und Fulda den Weserstrom bilden, da steht die Fabrik von Haendler & Natermann Sport GmbH (H & N). Hier erblicken die Diabolos und nicht nur sie, sondern viele andere Geschosse das Licht der Welt. 

Die Firma hieß im Laufe ihres fast 200-jährigen Bestehens nicht immer so. 1830 startete der heute zweitgrößte Luftgewehrkugel-Hersteller der Welt als „Fabrik technischer Blei- und Zinnwaren“. Denn die Fabrikation von Luftgewehr-Kugeln und anderen Bleigeschossen war zu Beginn nur ein Nebenzweig des Unternehmens. Einstweilen wurden Bleche aus Walzblei, auch solche unter Zusatz von Zinn, hergestellt. Damit wurden unter anderem Kisten für Tabak und Tee ausgekleidet.

Der Absatz der Bleche stagnierte, andere Produkte mussten her. So verlagerte sich der Produktionsschwerpunkt im Laufe der Jahre auf Luftgewehrkugeln und andere Geschosse. Auch Schrot in verschiedenen Kalibern wurde hergestellt. Davon kündet noch immer der „Hagelturm“ auf dem alten Fabrikgelände im Zentrum von Hannoversch Münden.

 
Bleischmelze im Hagelturm.
Bleischmelze im Hagelturm.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Absatz der Bleche stagnierte, andere Produkte mussten her. So verlagerte sich der Produktionsschwerpunkt im Laufe der Jahre auf Luftgewehrkugeln und andere Geschosse. Auch Schrot in verschiedenen Kalibern wurde hergestellt. Davon kündet noch immer der „Hagelturm“ auf dem alten Fabrikgelände im Zentrum von Hannoversch Münden.

H & N hat inzwischen ein neues Fabrikgelände im Stadtteil Volkmarshausen bezogen. Während des Umzuges lief die Produktion an beiden Standorten weiter. Seit März 2013 wird allerdings nur noch in Volkmars-hausen produziert (WM-Intern 4/2013) – genauso wie im alten Werk rund um die Uhr. Denn die Auftragsbücher von H & N sind voll – trotz Konkurrenz in aller Welt, besonders der in China. Dass man in Hannoversch Münden der Billigkonkurrenz Paroli bieten kann, ist einem Zauberwort zu verdanken: „Der überragenden Qualität verdankt H & N ihr fast 200-jähriges Bestehen“, sagt Geschäftsführer Florian Schwartz.

Qualität – wie wird die „gemacht“? 

Die Produktion von Schrotkugeln wurde in den 80er Jahren eingestellt. Dennoch lohnt ein Blick auf das Herstellungsverfahren: Das Geheimnis dieses Verfahrens stammt aus dem Jahr 1813 – das Jahr, in dem nicht nur die Völkerschlacht von Leipzig geschlagen wurde, sondern die Brüder Grimm im nur wenige Kilometer entfernten Kassel die alte Märchenfrau Dorothea Viehweg kennenlernten, die das Märchen vom Aschenputtel erzählte. Dieses Märchen beinhaltet das für die Steigerung der Qualität so wichtige „Aschenputtelprinzip“, die Auslese. Selbst die kleinste Kugel ist bei H & N diesem Prinzip unterworfen. Die schlechten ins Kröpfchen, die guten ins Töpfchen – was bei H & N heißt: die schlechten, weil ungleichmäßigen Kugeln, in den Ausschuss, die guten in die Dose.

Für die Herstellung wird, je nach gewünschtem Durchmesser der einzelnen Schrotkugel, das flüssige Blei in ein Sieb gegossen. Je größer das Loch, desto größer die Kugel. In einem bestimmten Abstand zum Sieb steht unter diesem ein mit Wasser gefülltes Auffanggefäß. Zwei Voraussetzungen müssen erfüllt sein: Der Bleitropfen muss sich im freien Fall gerade zur Kugel geformt haben, ehe er auf das Wasser auftrifft. Außerdem darf er nicht zu weit fallen, sonst verformt sich die noch weiche Kugel durch die Festigkeit der Wasseroberfläche.

Bei der späteren Untersuchung der Kugeln auf Gleichmäßigkeit wird ein Naturgesetz auf den Kopf gestellt. Gemeinhin gilt: Die Schlanken sind die schnellsten. Das ist bei den Schrotkugeln anders: Sie werden auf eine schiefe Ebene geschüttet, an deren Ende ein Auffangbehälter steht. Die gleichmäßig runden Kugeln erreichen das in der Mitte stehende Ziel. Besteht eine Unwucht, rollen bzw. „eiern“ sie vorbei. Manchmal sind es eben die Rundesten, die das Rennen machen … 

Dieses Verfahren der Selektion wird für Zimmerstutzenkugeln, Kugeln für Jahrmarktgewehre und für Vorderladerrundkugeln eingesetzt; für Diabolos mit ihrer „Eierbecher“-Form allerdings nicht.

Sämtliche Kugeln rollen langsam an Ulrike Schütze –der Betriebsratsvorsitzenden – vorbei. Sie trifft eine strenge Auswahl der Kugeln. Finale Match, ein High-End-Produkt, wird wegen seiner Genauigkeit in Wettkämpfen geschossen. Legierung, Temperatur, Präzisionsmaschinen und -werkzeuge, aber vor allem das „Aschenputtelprinzip“, also Kontrolle und immer wieder Kontrolle, bilden zusammen das Prinzip, das die Qualität und damit den Erfolg wachsen lässt.

Und mit „Qualität statt Massenware“ als Motto im Gepäck sehen die 45 Mitarbeiter vertrauensvoll in die Zukunft. Vielleicht gibt es ja in 200 Jahren immer noch junge Jäger, die ihre Schießfertigkeit auf kleine Ziele erproben; vielleicht steht wieder ein Umzug an, weil die heute so modernen Produktionsstätten in Volkmarshausen dann schon wieder nicht mehr modern sind; vielleicht haben sie auch in Zukunft Bestand – die teuflisch guten Diabolos.

In Hannoversch Münden wurde 1830, in den ersten Wehen der Industrialisierung sozusagen ein Werk für die Jäger gegründet. Und von Beginn an wurde dort nach dem gleichen Prinzip gearbeitet: Am Produkt feilen und es immer besser machen wollen – gewissermaßen nach dem Aschenputtelprinzip: Das Schlechte verwerfen, das Gute bewahren. Daraus hat sich die herausragende Qualität bei Haendler & Natermann entwickelt.

www.hn-sport.de

Qualitätssicherung ist Handarbeit – das gilt für 2014 genauso, wie es in den 1950ern Gültigkeit besaß.
Qualitätssicherung ist Handarbeit – das gilt für 2014 genauso, wie es in den 1950ern Gültigkeit besaß.