Für echte Kerle: Fitnesstipps vom Bogenjagd-Spezialisten

Gute Deckung zum Beobachten ist ein guter Ausgangspunkt für jede Jagd. Von hier aus kann die lautlose Pirsch an das ersehnte Stück Wild beginnen. © Verlag J. Neumann-Neudamm
Gute Deckung zum Beobachten ist ein guter Ausgangspunkt für jede Jagd. Von hier aus kann die lautlose Pirsch an das ersehnte Stück Wild beginnen. © Verlag J. Neumann-Neudamm

 

Jagd ist die Urform des Extremsports, doch dreht sich in unserer modernen Welt immer mehr um Technik und Ausrüstung. Doch ist es allein die verfügbare Technik, die einen guten Jäger wirklich ausmacht? Die Basis des Jagderfolges ist der eigene Körper! Erst mit der eigenen Fitness können die Möglichkeiten unserer modernen Hilfsmittel richtig zur Geltung gebracht werden – doch auch für das eigene Training gibt es schon Helfer, die uns besser und effizienter trainieren lassen.

 

Was ist das wichtigste Instrument des Jägers? Das Gewehr, der Bogen? Vielleicht ist es das Fernglas, vielleicht die spezielle Kleidung? Möglicherweise erachtet auch manch einer sein geländegängiges Fahrzeug als das ultimativ wichtigste Objekt. All das sind zwar wichtige Dinge, doch keiner der genannten Ausrüstungsgegenstände ist essenziell. Das einzig Entscheidende für den guten Jäger sind zwei Dinge: Körper und Geist! Nur seinen Körper und seine mentale Stärke kann man selbstständig allein beherrschen. Wer beides ständig trainiert, wird besser, erfolgreicher und mit mehr Freude jagen. 

Erlauben Sie, wenn ich als Amerikaner es mir herausnehme, festzustellen, dass dieser Aspekt in den deutschen Jagdmedien in den vergangenen Jahrzehnten völlig ignoriert wurde. Nicht umsonst herrscht in der nicht jagenden Öffentlichkeit das Klischee des angefetteten Lodenjockels vor, der entweder in seinem Geländewagen, der geschlossenen Kanzel oder am Stammtisch hockt. Ist das Heben des Schnapsglases und das Anstoßen mit links wirklich alles, worauf es in Deutschland bei der Jagd ankommt? Natürlich nicht, aber jedem Vorurteil wohnt ein bisschen Wahrheit inne. In unserer modernen Welt mit Internet, Facebook und permanenter Nachrichtenflut entfernen sich die Menschen immer weiter von der Natur, Jagen wird dem Unbeteiligten immer unverständlicher. Im Sinne zukünftiger Jagd müssen Jäger weltweit an ihrem Image arbeiten, damit auch unsere Kinder noch jagen können. 

Was hat also Fitness mit unserem Image zu tun? Fitness und Athletik werden in unserer Gesellschaft respektvoll anerkannt. Im Zuge meines Jobs treffe ich jährlich hunderte Menschen, mit denen ich mich unterhalte. Oft kommt zur Sprache, dass ich jage und dass die Jagd meine allergrößte Passion ist. Oft überrascht es die Leute, dass ich das ganze Jahr über trainiere, um in Form zu bleiben, denn das ist für die Bogenjagd unerlässlich. Und fast immer gehen sie mit einer anderen Sichtweise der Jagd aus dieser Unterhaltung – und das ist sicher kein schlechter Effekt. 

In den USA sieht es noch ein wenig anders aus, denn dort wird die Jagd anders betrachtet, auch der Umgang mit Waffen ist ein anderer. Aber auch dort müssen die Jäger stark an ihrem Image arbeiten – und auch in Nordamerika werden fitte Jäger eher akzeptiert als adipöse. Wer je eine richtige Gamsjagd, eine Schafjagd, eine Elchjagd in der Wildnis gemacht hat oder auch durch sengend heiße Savannen oder Wüsten Afrikas gepirscht ist, dem ist die Wichtigkeit seiner Fitness ausreichend bekannt. 

Doch es ist nicht anstrengend, ein paar hundert Meter zu seinem Hochstand zu laufen, und selbst der feisteste Jäger kann ein herausragend guter Schütze sein. Das gilt auch für den Bogenjäger. Andererseits kann Jagd das anstrengendste und herausforderndste sein, was ein Mensch leistet. Ich scheue mich vor dem Gebrauch des Wortes Sport im Zusammenhang mit Jagd, mal abgesehen von der etymologisch betrachtet feindlichen Übernahme des Wortes in seinem ursprünglichen Sinn, aber andererseits ist Jagd die Urform des Extremsports. Die Jagd ist Basis vieler Sportarten, noch heute sind Rennen, Springen, Schießen und viele Wurfsportarten die spannendsten Disziplinen jeder Olympiade. Zu jagen, ist ein tief in uns liegendes psychisches Bedürfnis, das sich in seiner Körperlichkeit Bahn bricht. 

Bogenjagd kann extrem sein. Wenn ich Weißwedelhirsche im amerikanischen Westen jage, dann sehen die Tage aus wie folgt: Nachts um drei aufstehen, drei bis fünf Kilometer marschieren mit Bogen und Verpflegung für den Tag und einer Notfallration, falls man draußen bleiben muss. Dann harre ich über Stunden möglichst ruhig aus, mache vielleicht den einen oder anderen Pirschgang, um schließlich in der Dunkelheit zu meinem Basiscamp zurückzulaufen. Wenn ich Jagderfolg habe, dann muss ich den Hirsch, der oftmals mehr wiegt als ich, zurücktragen. In vielen Jagdgebieten Amerikas, in denen ich jage, sind Fahrzeuge verboten. Auf diese Art verbringe ich Tag um Tag. Es gab Jahre, in denen ich über Monate so lebte und jagte. 

Wer körperlich nicht in der Lage ist, harte Anstrengungen zu meistern, der wird nie die echte Seite der Jagd erfahren. Sieht man sich ursprüngliche Jägervölker an, so wird man schnell feststellen, dass die Jäger immer die mit Abstand fittesten Individuen ihrer Gruppe sind. Sie brauchen kein spezielles Trainingsprogramm, denn sie sind gestählt durch die Jagd. Unsere moderne Welt mit all ihren kleinen Annehmlichkeiten macht uns träge, müde und lässt uns fett werden. Unsere Instinkte verkümmern. Um nicht zu träge und immobil zu werden, sind wir gezwungen, körperliche Defizite durch Training zu kompensieren. Zwar ist es so, dass heute auch der schlechteste, völlig untrainierte Jäger mit viel Geld fast jede Trophäe bekommen kann, aber das soll an dieser Stelle nicht interessieren. Eine gute körperliche Verfassung kommt jedem Jäger zugute, ob er 32 oder 74 ist. Und fast immer entspringt mentale Stärke physischer Kraft.

Man muss nicht wie ein Weltklassesportler trainieren. Aber einen gewissen Basiszustand sollte man erreichen, um besser jagen zu können. Wichtigstes Element sind kardiovaskuläre Übungen, also alles, was sich positiv auf das Herz-Kreislauf-System auswirkt. Es gibt viel darüber zu berichten, aber an dieser Stelle werden wir nur die Grundzüge darlegen. 

Dreimal die Woche sollte man seine Ausdauer in Form von wenigstens 20 Minuten Training verbessern. Je nach Grundkonstitution kann man joggen, Rad fahren, Nordic Walking betreiben oder schwimmen. Dreimal die Woche 20 Minuten reichen schon aus, um deutlich fitter zu werden – so viel Zeit kann jeder investieren. Es genügt, um die Basis zu schaffen, auf die man je nach Ehrgeiz aufbauen kann. 

Zweiter Aspekt des Trainings ist die Kraftverbesserung. Beim Bogenschießen ist ein gut trainierter Oberkörper wichtig, aber allein durch das Ziehen des Bogens erreicht man zu wenig, denn es werden nicht alle Muskelgruppen angeregt. Wer trainiert ist, kann besser laufen, klettern, Beute tragen, erholt sich schneller von körperlicher Beanspruchung. Um seine Muskeln zu trainieren, sollte man weitere drei Trainingseinheiten von jeweils 20 Minuten einplanen. Es geht nicht um Bodybuilding. Drei Einheiten mit je zehn Liegestützen und zehn Kniebeugen sorgen dafür, dass Sie fit genug zum Jagen werden. Ich kombiniere diese Übungen gerne mit Gewichten und erhöhe die Anzahl der Wiederholungen. Mehr Wiederholungen bringen dann letztlich auch mehr Ausdauer als schwerere Gewichte und weniger Wiederholungen. 

Jagdspitzen gibt es in den unterschiedlichsten Klingenformen. Man unterscheidet zwischen starren und expandierenden Spitzen die sich beim Kontakt mit Wild öffnen.
Jagdspitzen gibt es in den unterschiedlichsten Klingenformen. Man unterscheidet zwischen starren und expandierenden Spitzen die sich beim Kontakt mit Wild öffnen.
Zweischneidige starre Klingenformen zeichnen sich durch eine lange Lebensdauer aus.
Zweischneidige starre Klingenformen zeichnen sich durch eine lange Lebensdauer aus.

Im offenen Gelände mit dem Bogen zu jagen, erfordert einiges an Können denn, die Schussentfernungen für diese Jagd liegen zwischen 25 und 35 Metern. Der Jäger muss also unbemerkt möglichst nahe an sein Wild heranpirschen.
Im offenen Gelände mit dem Bogen zu jagen, erfordert einiges an Können denn, die Schussentfernungen für diese Jagd liegen zwischen 25 und 35 Metern. Der Jäger muss also unbemerkt möglichst nahe an sein Wild heranpirschen.

Geschmeidig wie ein Raubtier

Die dritte Säule für den Jäger sind Dehnübungen! Haben Sie jemals in einer Jagdzeitschrift etwas von Dehnübungen gelesen? Dabei hat es so viele Vorteile, wenn man geschmeidig bleibt. Man bewegt sich besser, die Bewegungen werden fließender, man hat ein komplett anderes Körpergefühl. Beobachten Sie einmal Ihre Mitmenschen und stellen sich die Frage, wer ein guter Jäger sein könnte. Sie werden schnell erkennen, wer mit einem guten Körpergefühl unterwegs ist und bei wem es eher schwerfällig wirkt. Dass man steif wird, ist eine Folge des Alterns. Die gute Nachricht lautet aber, dass man diesen Prozess verlangsamen kann, indem man sich regelmäßig dehnt. Ein ausgedienter Fahrradschlauch kann den verkürzten Muskeln Paroli bieten und sie weiten. Man kann die Dehnübungen mit seinem sonstigen Training verbinden, was gerade beim Warmmachen und nach den Ausdauereinheiten sinnvoll ist. Ich nutze kleine Pausen im Alltag oft dazu, kleine Dehnübungen zu machen. Auch vorm Schlafengehen ist eine kleine Dehnübung nicht das Schlechteste. Wie auch immer man diese Übungen in seinen Alltag einbringt – eine Stunde pro Woche sollte es schon sein.

 

In kleinen Etappen zum Ziel

Setzen Sie sich Ziele! Nur wenn man etwas fokussiert macht, verliert man nicht den Willen und es macht mehr Spaß, sich zu schinden. Ich setze mir immer das Ziel, zu Beginn der Jagdzeit topfit zu sein, also gegen Mitte September. Im Januar setze ich mit leichtem Training ein, denn das Ende der Jagdsaison nutze ich zur (fast) trainingsfreien Erholung. Im Laufe des Jahres baue ich die Trainingseinheiten immer mehr aus, erhöhe Dauer und Intensität, bis gegen Mitte August das Maximum erreicht ist. Ab diesem Zeitpunkt fahre ich die Intervalle leicht zurück, um mehr Zeit in die eigentliche Jagdvorbereitung wie den Bau von Ansitzen etc. zu investieren. Während der echten Jagdzeit trainiere ich nicht zusätzlich, denn die körperlichen Anstrengungen sind hoch genug, um die erreichte Fitness zu halten. Vielmehr muss ich aufpassen, nicht zu sehr an Gewicht zu verlieren, um auch meine Kraft erhalten zu können. Spezielle Vitamin- und Kalorienbomben in Form von Power-Riegeln helfen dabei, speziell benötigte Reserven zu füllen. Man findet in Apotheken und Outdoor-Geschäften entsprechende Präparate, wie sie auch Radrennfahrer, Biathleten und andere Ausdauersportler verwenden.

 

Nicht vergessen

Was Sie aus Ihrer Jagdfähigkeit machen, liegt ganz allein in Ihren Händen. Wenn Sie sich bewusst vorbereiten, Ihren Körper und Geist im Griff haben, dann werden Sie mehr Freude bei der Jagd haben. Sie sind das einzige, worüber Sie die vollkommene Beherrschung erlangen können. Sie selbst sind die Waffe. Sie sind der JÄGER!

Chris Eberhard