Vierlinge – Universalwaffen oder Exoten?

Heym ist die einzige Waffenfabrik, die einen Vierling noch serienmäßig im Programm hat. © Heym
Heym ist die einzige Waffenfabrik, die einen Vierling noch serienmäßig im Programm hat. © Heym

 

Gilt der Drilling oder Bockdrilling schon als Universalwaffe des deutschen Jägers, so setzt der Vierling noch eins drauf: Mit jeweils zwei Schrot- und zwei Kugelläufen ist man wirklich für alle jagdlichen Verhältnisse gut gerüstet.  

 

Natürlich kann die Laufwahl variiert werden und es werden auch Vierlinge mit drei Kugelläufen und einem Schrotlauf gebaut. Vier Kugelläufe sind ebenfalls möglich, wahlweise mit unterschiedlichen Kalibern oder auch jeweils für zwei gleiche Patronen.

Vierlinge sind heute besondere und seltene Waffen, die ausschließlich auf Wunsch von Liebhabern als Einzelstücke gefertigt werden. Das war früher anders, da konnte man etwa bei Frankonia einen Vierling aus dem Katalog bestellen und selbst Großhändler wie Burgsmüller hatten Vierlinge von der Stange im Programm. Die meisten Vierlinge wurden in Ferlach gebaut und da entstehen noch heute jedes Jahr solche Unikate.

 

Entwicklung: Vom Drilling zum Vierling

Die Standardausführung des Vierlings war im Grunde genommen nicht viel mehr als ein „erweiterter Drilling”. Der zusätzliche kleine Kugellauf wurde entweder in die Visierschiene oder oberhalb der nebeneinander liegenden Schrotläufe platziert. Das „Garnieren” so eines Laufbündels geht natürlich nur in Handarbeit, hier kann bis heute noch keine Maschine helfen. Zwischen den beiden Weltkriegen waren die Löhne noch so günstig, dass die vielen Büchsenmacherstunden, die in so einer Waffe stecken, bezahlbar waren. Auch kurz nach dem Krieg war Handarbeit noch erschwinglich und viele Revierjäger und Förster hatten einen Vierling im Schrank stehen. Heute sieht das ganz anders aus: Alles, was sich nicht auf CNC-Maschinen schnell und ohne viel Handarbeit fertigen lässt, ist extrem teuer geworden. Ein neuer Vierling liegt im deutlich fünfstelligen Eurobereich – ohne Zielfernrohr oder aufwendige Gravuren versteht sich. Die Firmen, die heute noch Vierlinge bauen, kann man fast an einer Hand abzählen: kleine Büchsenmachermanufakturen wie Oswald Prinz, Adamy oder Retz&Sohn in Deutschland und einige Ferlacher Büchsenmacher. Von den großen Unternehmen hat lediglich die Firma Heym diesen Waffentyp fest im Programm, aber gebaut wird so eine Waffe gleichfalls nur auf Festbestellung.

 

Relativ erschwinglich: Der Heym-Vierling

Es wird der normale Kasten des Heym Seitenschloss-Drillings Modell 37 verwendet, sodass die Kastenmaße hier identisch sind. Durch die Lauflänge von 58 cm bleibt die Waffe noch führig, auch wenn sie über vier Kilogramm wiegt. Bei der Laufanordnung hat Heym die klassische Bauweise mit oben liegenden Schrotläufen und zwischen den Schrotläufen, oberhalb des großen Kugellaufes platziertem, kleinem Kugellauf gewählt. Der kleine Kugellauf ist zudem mit einer Mündungsverstellung ausgestattet, die es erlaubt, die Treffpunktlage zu verändern und dem großen Kugellauf anzugleichen. Die Seitenschlosse für die Schrotläufe werden beim Abkippen des Laufbündels gespannt. Die beiden Kugelläufe werden durch auf dem Abzugsblech angeordnete Blitzschlosse beaufschlagt, die über eine Handspannung auf dem Kolbenhals verfügen. Durch das Spannen der beiden Kugelschlosse werden die Galgen der beiden Abzüge automatisch unter die Abzugsstangen der Kugelschlosse geschoben. Der vordere Abzug bedient jetzt den großen Kugellauf, der hintere Abzug den kleinen Kugellauf. Beide Abzüge sind mit Rückstechern ausgestattet. Der Heym-Vierling ist nicht nur optisch eine Augenweide, sondern schießt auch hervorragend und ist eine praxisgerechte Jagdwaffe. In der Standardausführung mit Randstichgravur ist er ab etwa 17.000 Euro zu haben. Kein Schnäppchen, aber für eine so exklusive Waffe auch nicht besonders teuer, sieht man sich die Preise für Einzelanfertigungen kleiner Hersteller an. 

 

„Mr. Vierling”

Wenn es um individuelle Jagdwaffen mit mehreren Läufen geht, fällt sehr schnell ein Name: Oswald Prinz aus Maierhöfen. Am liebsten baut er Vierlinge. Sein Handwerk erlernte Oswald Prinz, Jahrgang 1952, bei Blaser Jagdwaffen in Isny. Dort war er für die Luxus-Versionen der Blaser-Waffen zuständig, den „Royals“ und „Imperials“. Auch wenn es um knifflige Neuentwicklungen, etwa den Blaser-Doppelrepetierer Duo Hamed ging, den ein arabischer Prinz in Auftrag gab, musste Oswald Prinz ran. 1995 machte er sich selbstständig und gründete seine eigene Firma in Maierhöfen, nur wenige Autominuten von Isny entfernt. Ein Ladenlokal und Ausstellungsräume gibt es aber nicht. Seine Waffen sind individuell einzigartig, technisch anspruchsvoll und für die praxisgerechte Jagdausübung gedacht. Seine Kunden kommen aus aller Welt. Verstellbare, frei schwingende Kugelläufe und Handspannschlosse sind bei ihm Standard. Er hat auf seine Konstruktionen kein Patent angemeldet: „Sollen sie es erst mal selber nachbauen!“, ist sein Motto. Seine Prunkstücke gehen schon mal für einen sechsstelligen Betrag weg, etwa der extrem aufwendige „Bernstein-Vierling”, der eine Hommage an das berühmte Bernsteinzimmer ist. Die Bauzeit bis zur Fertigstellung der Waffe betrug fast zehn Monate. 

Ein Prinz-Vierling hat zwei Schlosse, die umschaltbar sind und eine Handspannung auf dem Kolbenhals. Abgeschlagen wird über zwei Feinabzüge. So ein Prinz-Vierling ist keineswegs eine klobige, schwere Waffe, sondern wiegt bei Lauflängen zwischen 50 und 60 cm gerade mal um die 3,5 Kilogramm. Wenn sich Oswald Prinz an den Bau eines Vierlings begibt, dann ist das in der Regel ein Auftrag für eine Luxuswaffe, denn als „einfache Revierwaffe” wird so ein Stück nie geordert. Bevor der Meister sich an die Werkbank stellt, sind viele Stunden im Gespräch mit dem Kunden vergangen, bei denen das kleinste Detail festgelegt wird. Nur so ist sichergestellt, dass das Ergebnis am Ende genau den Wünschen des Kunden entspricht. 

 

Vierlinge für die Großwildjagd

Neben den klassischen Ausführungen als Revierwaffe für alle Gelegenheiten mit zwei Schrotläufen, großem und kleinem Kugellauf werden Vierlinge heute auch gern als feuerstarke Großwildwaffen benutzt. Oswald Prinz baut einen Vierling mit vier Kugelläufen Kaliber .500 NE, von Fanzoj gibt es einen Vierling für die Bärenjagd mit zwei Kugelläufen 9,3x74 R und zwei Schrotläufen 12/76. Die Schrotläufe sind mit Flintenlaufgeschossen justiert und schießen mit den Kugelläufen zusammen. Damit kann man sich einen Bären schon vom Leib halten.

 

Fazit

Ein Vierling zählt wohl zu den exklusivsten Jagdwaffen überhaupt und ist dazu technisch sehr anspruchsvoll. Büchsenmacher, die so eine Waffe bauen können, sind Meister ihres Fachs. Wer einen Vierling haben will, bekommt ihn auch heute noch – mitbringen muss man nur etwas Geduld und das nötige Kleingeld. Dafür ersetzt ein Vierling dann allerdings einen ganzen Schrank voller Waffen und wer ihn führt, ist für jede Gelegenheit gewappnet.

 

(Dieser Artikel ist in der April-Ausgabe 2016 von WM-Intern erschienen . Autor: Norbert Klups) 

Vierling von Fanzoj für die Bärenjagd:  2 x 9,3x74 R und 2 x 12/76. © Franzoj
Vierling von Fanzoj für die Bärenjagd: 2 x 9,3x74 R und 2 x 12/76. © Franzoj
1958 gab es einen Vierling bei Frankonia noch aus dem Katalog. © Frankonia
1958 gab es einen Vierling bei Frankonia noch aus dem Katalog. © Frankonia