Historische Waffen und ihre moderne Anwendung

Der ursprüngliche Scheibendolch ist als dreikantige Klinge auf das Durchstoßen von Rüstungen ausgelegt. Cold Steel geht noch einen Schritt weiter und kombiniert diese Klinge mit dem Gefäß eines Grabendolchs. Es gibt auch eine Trainingsvariante aus Polymer
Der ursprüngliche Scheibendolch ist als dreikantige Klinge auf das Durchstoßen von Rüstungen ausgelegt. Cold Steel geht noch einen Schritt weiter und kombiniert diese Klinge mit dem Gefäß eines Grabendolchs. Es gibt auch eine Trainingsvariante aus Polymer

 

Ein Blick in die Szene des historischen Fechtens gibt einen guten Überblick über die Entwicklung von Blankwaffen hin zur heutigen Zeit. 

 

Mit der zunehmenden Verbreitung des historischen Fechtens durchlaufen diese Kampfkünste eine ähnliche Entwicklung wie in den letzten hundert Jahren – nur im Zeitraffer. Während vor gut 30 Jahren die ersten Fechter sich noch auf das Lange Schwert nach Liechtenauer beschränkten, erstreckt sich die Vielfalt der heutigen Schulen bis hin zur Verteidigung mit Spazierstock und Regenschirm nach Quellen aus dem 19. Jahrhundert. Erste Fechter trainieren schon mit dem Grabendolch, der im Ersten Weltkrieg eine grausame Berühmtheit erlangte und heute zu den verbotenen Waffen zählt. Damit sind die historischen Kampfkünste in der Moderne angekommen.

Als kurze Stichwaffe diente der Dolch schon im frühen Mittelalter vornehmlich zur Selbstverteidigung und als Zweitwaffe. Aufgrund der nahen Kampfdistanz werden beim Dolchkampf viele Techniken aus dem Ringen verwendet.

Das einhändig geführte Schwert war in Kombination mit dem Buckler, einem kleinem Schild, eine weit verbreitete Waffeneinheit. Erste textliche Erwähnungen finden sich ab 1100. Mit Schwert und Buckler wurde vom Mittelalter bis in die Renaissance sowohl bloß als auch gerüstet gefochten. Bis 1350 wurden gerichtliche Gottesurteile in manchen Teilen Deutschlands mit Schwert und Buckler bestritten. 

Ab Mitte des 13. Jahrhunderts wurden die Rüstungen deutlich verbessert und größere Schwerter bevorzugt. Bei Bedarf griff man mit der zweiten Hand nach. Hundert Jahre später hatte die linke Hand ihren festen Platz am Schwertgriff, der bis zu 30 Zentimeter lang war. Aufgrund der zweihändigen Führung und der relativ geringen Masse, um die 1,5 Kilogramm, wurden komplexe Fechttechniken bei gleichzeitig hoher Energie und Präzision möglich. Das „Lange Schwert“ bezeichnet das Führen des Schwertes mit beiden Händen. Als Kurzschwert wurden hingegen Techniken bezeichnet, bei denen „halbschwert“ mit der Linken in der Mitte der Klinge gearbeitet wird. Damit konnte man auch gegen Gegner im Harnisch vorgehen.

Im Laufe des 15. Jahrhunderts entwickelten sich die bekannten Zweihänder mit übergroßer Wehr. Geläufige Begriffe wie „Zweihänder“, „Anderthalbhänder“ oder „Bastardschwert“ sind moderne Bezeichnungen. Das Fechten mit dem Langen Schwert blieb bis ins 17. Jahrhundert als bürgerlicher Sport erhalten, die Kunst starb aber nach und nach aus.

Dem dritten Stand (freie Bauern und Bürger) war das Schwert als ritterliche Waffe versagt. Die Wehr der Wahl fand sich im „Langen Messer“. Dieses wird im Gegensatz zum Langen Schwert nur mit einer Hand geführt. Gleichzeitig ist die Fechtweise mit dem einhändig geführten Langen Messer eng verwandt mit dem Langen Schwert der Liechtenauer-Tradition. 

Der Begriff „Rapier“ bezeichnet im Allgemeinen das Schwert des Adels und der Bürger im 16. und 17. Jahrhundert. Es war Bestandteil der zivilen Kleidung und wurde zu Selbstverteidigungszwecken geführt, fand aber auch im Duell Verwendung. Während frühe Rapiere noch hieblastig gefochten wurden, waren spätere Varianten mit überlangen, schlanken Klingen rein für den Stich optimierte Waffen.

Ab dem 16. Jahrhundert findet der Säbel mit seiner einschneidigen, meist gekrümmten Klinge mehr und mehr Verbreitung in Europa, um sich schließlich als Standardblankwaffe der Armeen des 18. und 19. Jahrhunderts in Europa und Amerika zu etablieren. Somit liegen aus einer relativ frühen Vergangenheit eine Vielzahl an Quellen zu militärischen Drills und Trainingskonzepten vor. Sein relativ leichtes Gewicht, die einschneidige Klinge und einhändige Fechtweise machen den Säbel zu einer hervorragenden Einsteigerwaffe. Mit dem Aufstieg der bürgerlichen Armeen mussten Männer in kürzester Zeit an Waffen ausgebildet werden. Die militärischen Fechtsysteme sind somit relativ einfach gehalten und erste Erfolge schon nach kurzer Zeit sichtbar.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts rückt der Stock als Waffe in den Vordergrund. Der klassische Spazierstock des gehobenen Bürgertums war meist aus Hart- oder Tropenholz gefertigt und mit einem runden Knauf aus Metall (beispielsweise Messing) oder Horn versehen. Trotz des schweren Knaufs ist der Spazierstock als Waffe ausbalanciert. Einerseits kann man den Stock als Keule schwingen, andererseits schnell und präzise wie mit einem Säbel fechten. Die Kunst liegt im Umgreifen zwischen beiden Enden sowie dem Wechseln zwischen beiden Händen. Mit etwas Übung kommt man so in fließende Bewegungsketten, die mit weit ausholenden Schwüngen sowie gezielten Finten und Stichen auch gegen mehrere Gegner eingesetzt werden können. 

Im französischen La Canne und dem englischen Bartitsu werden solche Stocktechniken vermittelt. Gerade in Frankreich, Italien und Portugal findet man Schulen zu Stock und Messer, die in manchen Familien auf eine 300-jährige Tradition zurückblicken. Die Systeme sind zahlreich und behandeln den Umgang mit Messer und Dolch, Rasiermesser, diversen Stöcken, Beil, flexiblen Waffen und der leeren Hand. 

Man beobachtet also eine Entwicklung parallel zur historischen Entwicklung der Waffen und Kampfkunst einerseits, eine Vertiefung in Nischen und besonderen Waffen andererseits. Damit einhergehend steigt der Bedarf für Trainingsausrüstung, Waffen und Protektoren. 

Die Quellenarbeit bleibt ein wesentlicher Bestandteil der Ausbildung und Trainingsinhalte. Noch immer werden neue Quellen entdeckt und aufbereitet, wie beispielsweise das Fechtbuch von Sebastian Heussler aus dem 17. Jahrhundert zum Rapier.

Die weiteren Entwicklungen kann man mit Spannung erwarten. Historische Waffensammlungen lassen erahnen, wie viel Spielraum und Entfaltungsmöglichkeiten europäische Kampfkünste bieten. Manche Disziplinen wie das Rossfechten werden wohl exklusiv bleiben, andere hingegen einer breiten Masse von Interessenten einen Zugang bieten. (Dieser Artikel ist in der Mail-Ausgabe von WM-Intern erschienen . Autor: Adrian Hopp)

 

Quellen:

https://archive.org/details/talhoffersfechtb00talhuoft

www.schwertfechten-nordhessen.de

www.alte-kampfkunst.de

www.ddhf.de

www.dimicator.com

www.fechtsaal.de

www.gladiatores.de

www.schwertkampf-ochs.de

Alexander Kiermayer ist seit 15 Jahren als Polizeieinsatztrainer in Bayern tätig. Seit 1999 beschäftigt er sich in seiner Freizeit intensiv mit historischem Fechten. Als Mitbegründer einer der ersten Vereine für historische Kampfkünste zählt er zu deren Pionieren. Bis heute gibt er Seminare zu verschiedenen Stilen auf Anfrage und treibt so die Kampfkünste voran. Kontakt: KiermayerAB@web.de

 

Stefan Dieke ist ein weiterer Pionier der Historischen Fechtkunst in Deutschland. Seit mehr als 20 Jahren widmet er sich der Erforschung, dem Training und der Vermittlung Historischer Europäischer Kampfkünste. Auch international hat er einen wesentlichen Beitrag zur Verbreitung der europäischen Kampfkünste geleistet. 

Kontakt:

info@alte-kampfkunst.de 

 

Joachim Meyers Kunst Des Fechtens, Alexander Kiermayer:

Sebastian Heussler: Transliteration des Neu kunstlich Fechtbuch im Rapier, Rapier und Dolch, Peter Klatte

 

Frakturschriften zu lesen, stellt für viele ein Problem dar. Mit seiner Transliteration wollte Peter Klatte ursprünglich ein einfaches Skript für das Vereinstraining erstellen. Heraus kam ein sorgfältig gestaltetes Buch mit beiden Werken von Sebastian Heussler zu Rapier sowie Rapier und Dolch. Hintergrundinformationen zur Person des ursprünglichen Autors runden diese Sammlung ab. Fazit: Als Nachschlagewerk für Fechter und Interessierte ein wertvoller Beitrag zur Weiterentwicklung der europäischen Fechtkunst.


Dieser Artikel ist in der Mai-Ausgabe 2016 in WM-Intern erschienen.