Essen wie die Truppe – ohne Mampf kein Kampf

© Mario Döbeler
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Um Militärnahrung herrscht ein wahrer Kult und viele Gerüchte machen die Runde. Doch was ist dran an den berüchtigten grauen Kartons der Bundeswehr, die so viele zivile Anhänger haben, und inwieweit eignen sie sich wirklich für Outdoor-Abenteuer?

 

Vor jeder größeren Tour stellt sich aufs Neue die Frage: Was nimmt man mit, um sich unterwegs richtig zu ernähren? Es soll schmecken, wenig Gewicht haben, um nicht unnötig das Packgewicht zu erhöhen, und schnell und einfach zubereitet sein. Immer mehr Outdoor-Freunde greifen deswegen auf Militärnahrung zurück. Angebote gibt es zuhauf, allerdings teilweise zu übertriebenen Preisen. 

Aber wie gut eignen sie sich wirklich für ausgiebige Touren in der Natur und Wildnis? Antworten erhoffe ich mir von Profis, die es durch jahrelange Erfahrung am besten wissen müssen, und besuche das Verpflegungsamt der Bundeswehr in Oldenburg.

© Marcus Rott
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180.000 deutschen Soldaten müssen weltweit mit ausreichend und qualitativ hochwertiger Verpflegung versorgt werden. Diese Mammut-Aufgabe lösen die Frauen und Männer vom Verpflegungsamt. Sie wählen kritisch aus den Angeboten der Lieferanten aus und stellen diese jährlich neu auf den Prüfstand. 

Oldenburg ist auch die Geburtsstätte der schon legendären EPa (Einmannpackung), die einen Soldaten abseits der Truppenküche für 

24 Stunden mit ausreichend Energie und Nährstoffen versorgen soll, um für die täglichen körperlichen Strapazen gerüstet zu sein. Also eigentlich genau das Richtige für eine Extrem-Trekking-Tour. Fragt man allerdings altgediente Soldaten, so winken sie beim Thema EPa schnell ab und können dem nicht viel abgewinnen. Allzu schmackhaft scheint es wohl nicht gewesen zu sein. Jüngere aktive Soldaten reagieren aber anders und sprühen vor Begeisterung. Ihnen schmeckt‘s. Anscheinend hat sich viel verändert.

© Marcus Rott
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In der Hexenküche

Was in die EPa darf, entscheiden drei Geschmackstester. Sie achten darauf, dass die angebotenen Gerichte unter anderem den deutschen Verzehrgewohnheiten entsprechen. „Exoten in den Verpflegungspaketen haben zwar einen kurzen Überraschungseffekt, aber im echten Einsatz greifen die Soldatinnen und Soldaten mit Vorliebe auf Gewohntes zurück“, erklärt mir Rainer Bauermeister. „Auch auf die Konsistenz wird geachtet, denn es soll etwas zu beißen geben. Das vermissen die Soldaten anderer Armeen oft und schielen neidisch auf die deutsche EPa“, ergänzt Stabsfeldwebel Oliver Sekuli. Neben Geschmack und Konsistenz ist die Haltbarkeit unter extremen Bedingungen wichtig. Nur was den harten Temperaturtest übersteht, darf am Ende auch wirklich in den begehrten Karton.

 

Grünes Essen für die grüne Truppe

Bei der Verpflegung von Soldaten denkt man sofort an reichhaltiges und deftiges Essen. In der Tat ist das Angebot mit 24 verschiedenen Gerichten sehr abwechslungsreich. Neben dem Soldatenklassiker Erbsensuppe haben inzwischen auch angesagte Gerichte wie Hamburger und Currywurst Einzug in die EPa-Pakete gehalten. Wer es vegetarisch mag, wird mit Gemüsechili, Couscous oder einem Kartoffel-Kerbeltopf verwöhnt. Als Nachtisch stehen Mousse au Chocolat, Milchreis oder Pudding zur Wahl und bei einem Cappuccino kann man mit seinen Kameraden das Mahl sacken lassen. 

Der Geschmackstest der Fertiggerichte, die auch zum kalten Verzehr geeignet sind, fällt positiver als erwartet aus. Unschlagbar sind allerdings die gefriergetrockneten Mahlzeiten und Desserts, die man geschmackstechnisch ohne Probleme täglich im Büro verspeisen könnte, wäre da nicht die Kalorienmenge von bis zu 3.800 kcal/EPa, die eine akute Fettpolstergefahr für einen im Energiesparmodus laufenden Büroschläfer darstellt. 

 

Jetzt wird es heiß

Eine wichtige Frage stellt sich spätestens bei der Zubereitung der Gerichte: Wie bekomme ich diese am schnellsten warm? Bei der Bundeswehr setzt man auf den Festbrennstoff Esbit. Damit wird das Wasser für die gefriergetrockneten Mahlzeiten zum Kochen gebracht und die Gerichte können dann im Wasserbad erwärmt werden. Beim direkten Erhitzen der Fertiggerichte auf der offenen Flamme muss darauf geachtet werden, dass sich dadurch keine Folienbestandteile lösen und in die Mahlzeit gelangen. 

Damit auch Nichtraucher ihren Esbit-Kocher zum Laufen bekommen, liegt jeder EPa ein Umschlag mit Streichhölzern bei. 

© Marcus Rott
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EPa-Gerüchteküche

Der Kult um die EPa lebt wahrscheinlich von den vielen Gerüchten, die sich um die Verpflegungspakete ranken. Kann man mit den Keksen wirklich einen Kuchen backen? Was hat es mit der Margarine aus der Tube auf sich? Gibt es Alkohol in der EPa? Fragen wir doch einmal die Experten:

 

Panzerplatten-Kuchen 

Wer etwas Abwechslung zum EPa-Alltag benötigt, macht sich einfach mithilfe der Hartkekse, im Soldatenmund auch Panzerplatten genannt, und der beiliegenden Schokolade einen Kalten Hund. Hierzu muss nur die Schokolade geschmolzen werden, dann wird in eine Form abwechselnd eine Schicht Kekse und eine Schicht Schokolade gefüllt. Idealerweise kommen auf 2 Packungen Hartkekse (250 g) fünf Tafeln EPa-Schokolade (250 g). Abgekühlt ist der Geschmack der Hammer und weckt sofort alle Lebensgeister für die nächsten 30 Kilometer Wanderweg.

 

Margarinentube

Lange Zeit musste der Soldat sein Brot ohne Margarine und Butter verzehren und die Geschichte von Margarine aus der Tube geisterte durch die Truppe. Tatsächlich lag früher jeder EPa eine Tube mit Margarine bei. Da sie aber bei zu warmem Wetter auslief oder sich bei kaltem Wetter gar nicht mehr rührte, wurde sie wieder ausgemustert. 

Heute gibt es als Butterersatz den Brotaufstrich Naturelle. Dieser ähnelt in seiner Konsistenz einem Streichkäse, was immer wieder zu Verwirrung und Diskussionen bei den Soldaten führt. Lebensmittelexperte Oliver Sekuli stellt klar: „Es ist ein Butterersatz, auch wenn er wie Streichkäse aussieht!“ Sein energischer Tonfall spricht Bände und lässt keine Widerworte zu!

 

Weinprobe

Im Kampf sollte man einen klaren Kopf bewahren. Deshalb gibt und gab es in deutschen Verpflegungspaketen nie Alkohol. Anders sah es bei den Franzosen aus, die ihre Truppen in der Vergangenheit mit Wein verwöhnten. 

Wasser im Kondom

Kurz nach der Wende hieß es immer wieder, dass das Kondom Einzug in die EPa gehalten hätte. In den Verpflegungspaketen gab es sie aber zu keiner Zeit. Allerdings sind sie in den Survival-Paketen der Einzelkämpfer zu finden – als leicht zu verstauender Notwassertransportbeutel. 

 

Unendlich haltbar

Wer genau hinschaut, dem wird auffallen, dass Lebensmittel in der EPa nur ein Herstellungsdatum besitzen, aber kein Mindesthaltbarkeitsdatum, wie es gesetzlich gefordert wird. Ist die EPa etwa unendlich haltbar? Nein. Natürlich können auch EPas nicht unendlich aufbewahrt werden. Abhängig von der richtigen Lagerung sollen sie aber mindestens 3 bis 3,5 Jahre verzehrfähig sein. Diese Zeitspanne kann sich aufgrund der veränderten Lagerbedingungen bei einem Einsatz in warmen Ländern deutlich verkürzen oder in kälteren Regionen verlängern. Unter Berücksichtigung dessen kann die tatsächliche Lagerfähigkeit vom Herstellungsdatum her ausgerechnet werden. Aber auch die Bundeswehr wird von der Gesetzgebung eingeholt: In Zukunft werden auch die EPa-Bestandteile ihr Merkmal des fehlenden Mindesthaltbarkeitsdatums verlieren.

 

EPa muss mit!

Das Fazit ist eindeutig: Die Verpflegung bei der Bundeswehr hat sich im letzten Jahrzehnt unglaublich weiterentwickelt und bietet heute unseren Soldaten ein wirklich qualitativ und geschmacklich hochwertiges Angebot, auch abseits der Truppenküche. Für zivile Abenteurer eignet sie sich ebenfalls bestens. Allerdings ist die Militärverpflegung für die Versorgung unserer Soldaten bestimmt. Das Verpflegungsamt hat ihr Wohl sicherzustellen und nicht als Lieferant für Zivilmärkte in Erscheinung zu treten. 

Für den Abenteuerurlaub muss deshalb auf die zivilen Tagespakete zurückgegriffen werden, die die Lieferanten des Verpflegungsamtes anbieten. So hat Travellunch diverse Tagespakete und Einzelgerichte im Angebot. MSI produziert neben einzelnen gefriergetrockneten Mahlzeiten auch Notrationen und Hartkekse der Bundeswehr in einer zivilen Variante. Sehr verbreitet bei eingefleischten Bushcraftern ist auch die gute alte Dosen-„Scho-ka-kola“. Als Energieschokolade gibt es sie bereits seit 1935. Heute ist sie als Autofahrer-Schokolade bekannt und zudem in vielen Wanderrucksäcken zu finden. Dank dem enthaltenden Koffein hält sie wach und spendet gleichzeitig viel Energie. Praktischerweise wird sie in mundgerechten Portionsstücken in einer stabilen Dose angeboten, die während der Tour immer wieder verschlossen und sicher im Rucksack verstaut werden kann, ohne dass etwas zerquetscht oder vollgeschmiert wird. 

Wer also Jäger, Wanderer, Outdoor-Begeisterte und Bergwanderer zu seiner Kundschaft zählt, kann mit einem Sortiment an geeigneter Nahrung und Zubehör für deren Zubereitung punkten.    

Der Autor dieses Artikels ist Mario Döbeler

Er ist in der November-Ausgabe 2016 in WM-Intern erschienen.