Betriebliche Gesundheitsförderung

© Moorschmied
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Es braucht einiges, um Arbeit gut zu erledigen und dabei gesund zu bleiben.

 

Im Gesundheitsmanagement (BGM) laufen alle gesundheitsbezogenen Aktivitäten eines Betriebes zusammen. Ein großer Teil der im BGM organisierten Maßnahmen ergibt sich aus der Gefährdungsbeurteilung und basiert damit auf dem Arbeitsschutzgesetz. Neben den Maßnahmen zum Arbeitsschutz gehört in zunehmendem Maße die betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) zum Hauptaugenmerk eines modernen Betriebes.

Die psychische Belastbarkeit hat in der modernen Arbeitswelt enorm an Bedeutung gewonnen. Durch die fortschreitende Globalisierung und Digitalisierung in der heutigen Arbeitswelt sowie durch die hohen Anforderungen an eine Lern- und Wissenskultur werden wir neuer Entwicklungen gewahr. 

Psychische Anforderungen wie der Umgang mit digitalen Medien und die geforderte ständige Erreichbarkeit bilden eine hohe Herausforderung, die eine noch vor wenigen Jahren undenkbare Extrembelastung durch Grenzenlosigkeit zwischen Arbeit und Privatraum darstellt. Aber auch das mobile Arbeiten in allen Lebenslagen erfordert ein Umdenken weg vom klassischen Arbeitsplatz und -schutz hin zu neuen Ansätzen in der betrieblichen Gesundheitsförderung.

 

Es geht also nicht nur um den Abbau von Gefährdungen, sondern auch um Wohlbefinden und Zufriedenheit im Arbeitsleben. 

Während die innerbetrieblichen, organisatorischen Ressourcen (z. B. äußere Rahmenbedingungen) sowie die sozialen Ressourcen (z. B. Unterstützung im Arbeitsteam oder durch Vorgesetzte) durch ein eingesetztes Gesundheitsmanagement mit unterschiedlichem Erfolg gefördert werden, wirkt die Förderung der personalen Ressourcen eher als ein hilfloser Versuch, dem hohen Anspruch gerecht zu werden. Gesundheitsbezogene Aktivitäten wie Kurse und Seminare (z. B. zur Stressbewältigung) zielen oft nur darauf ab, die Symptome zu lindern, ohne in die tiefen Gründe des Phänomens vordringen zu können, weshalb sie weitgehend wirkungslos bleiben müssen. 

 

Hier hilft definitiv nur eins: Wir helfen uns selbst! – „Selbststeuerung“ heißt das Zauberwort. Diese alte Tatsache, wiederentdeckt durch die neusten neurobiologischen Erkenntnisse, sollte jeden Personalchef, jeden verantwortlichen, betrieblichen Gesundheitsmanager, jeden Firmeninhaber aufhorchen lassen: Effiziente, leistungsstarke, kreative und innovative Mitarbeiter sind Menschen, die gelernt und verstanden haben, sich wieder ganz ursprünglich – durch Selbsterkenntnis – selbst zu helfen. 

„Blick in dein Inneres und finde das Gute dort!“

Marc Aurel

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„Mensch, erkenne dich selbst“, heißt es im Orakel von Delphi im alten Griechenland oder „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott“ im mittelalterlichen Europa.

Der Neurobiologe und Mediziner Prof. Joachim Bauer von der Universität Freiburg schreibt in seinem Buch „Selbststeuerung: Die Wiederentdeckung des freien Willens“ (München, 2015): „Das Gegenstück zur Selbststeuerung ist die Außen- oder Fremdsteuerung. Menschen, die auf alle Reize, die von außen auf sie eintreffen, ohne Nachdenken mit einer schnellen Reaktion antworten, befinden sich im Modus einer Reiz-Reaktions-Maschine.“

Bauers Konzept der Selbststeuerung ist nicht mit Selbstkontrolle zu verwechseln. Letztere ist vielmehr eine Voraussetzung für erstere. Nur wer über Selbstkontrolle verfügt, kann eine bewusste Selbststeuerung entwickeln. 

Schon im Klappentext des Buches heißt es: „Höre auf deinen Bauch, folge deinen Gefühlen, vertraue auf deine Impulse. So der Tenor, in dem uns wissenschaftliche Bücher in den letzten Jahren darauf eingeschworen haben, unserem rationalen, abwägenden Denken nicht mehr die Bedeutung beizumessen, die ihm gebührt. Joachim Bauers Selbststeuerung ist der lange überfällige Aufruf dazu, unsere auf Autopilot fahrenden Verhaltensweisen als das zu sehen, was sie sind: kurzsichtig und fehleranfällig. Studien zeigen: Seine Impulse kontrollieren und vorübergehende Anstrengungen auf sich nehmen zu können, ist nicht nur die unabdingbare Voraussetzung für langfristige persönliche Erfolge und gute soziale Beziehungen. Die Fähigkeit zur Selbststeuerung schützt vor allem auch die Gesundheit, und erkrankten Menschen kann sie ein Heilmittel sein. Anstatt ständig den Reizen der Außenwelt zu folgen, sollten wir selbst entscheiden. Der freie Wille ist zurück, und das ist gut so.“

 

Lange ist die Wissenschaft davon ausgegangen, das erwachsene Gehirn sei unveränderbar. Doch die Neurowissenschaft konnte nachweisen, dass unser Gehirn in einem fortwährenden Umbauprozess ist und sich immer wieder neue Nervenverbindungen bilden, selbst im Alter – wenn auch langsamer. Die Forscher nennen diese Veränderbarkeit des Gehirns Neuroplastizität*. 

Joseph Goewey, langjähriger Leiter der Psychiatrie an der Universität Stanford (USA), hat ein Anti-Stress-Training entwickelt, das genau diese Erkenntnisse nutzt. Anstatt zu versuchen, sich stressförderndes Verhalten abzutrainieren, zielt es darauf ab, die innere Einstellung so zu verändern, dass gute Wachstumsbedingungen für neue Nervenbindungen im Gehirn geschaffen werden. „Schon in 50 Tagen können Sie Ihr Gehirn neu vernetzen, in Richtung Ruhe, Kreativität und Optimismus – statt Stress“, verspricht Goewey. So wird Stressimmunität durch Selbststeuerung erreicht.

 

„Der entscheidende Schritt besteht nicht darin, nach irgendwelchen strengen Vorschriften zu leben oder gar der Lebensfreude adieu zu sagen“, meint Prof. Bauer. „Eine Wende zum Guten bedeutet vielmehr, verantwortungsvoll für das eigene Wohl zu sorgen.“

Fünf Anregungen zum heilsamen Wohlempfinden:

1. Verordnen Sie sich im Jahresablauf eine selbst regulierte „Rüstzeit“, denn selbst gestaltete Freiräume beleben!

2. Kultivieren Sie in Ihrem Tagesablauf eine kurze „Auszeit“.

3. Nehmen Sie sich Zeit, die schönen Dinge um Sie herum einmal wahrzunehmen.

4. Gönnen Sie sich eine kreative, künstlerische Pause: Handarbeit entstresst!

5. Übernehmen Sie Verantwortung für sich selber, so können auch Sie für andere da sein!

 

Neben dem Aufruf, selbstaktiv für die eigene Gesundheit zu sorgen, müssen aber auch Führungskräfte für diese Möglichkeiten, die Gesundheit der Mitarbeiter und damit auch deren Leistungsfähigkeit zu erhalten und zu fördern, sensibilisiert werden. Untersucht man die staatlich geförderten Maßnahmen (Steuervorteile, Bildungsurlaub usw.) so wird man erkennen, dass bereits in der Auswahl der möglichen Maßnahmen ein Ausschluss einiger Bereiche erfolgt. Maßnahmen, die Freude bereiten könnten, scheinen verwehrt zu bleiben. Für den Arbeitgeber gilt es also, abseits der bekannten Pfade, Programme und Aktivitäten zu finden und sie im Sinne einer gesunden und leistungsstarken Belegschaft innerbetrieblich zu fördern.

* „Aktivitäten, die Freude machen, die Aufmerksamkeit bündeln, ein hohes Maß an Konzentration benötigen, ohne uns zu überfordern oder mit Angst einhergehen, fördern ganz besonders die Plastizität des Gehirns.“ Prof. T. Esch, Neurowissenschaftler und Mind-Body-Mediziner

Der Autor

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Wolf-Dieter Schröppe ist Personalchef und Teilhaber bei Moorschmied. Das inhabergeführte Familienunternehmen bietet Erlebniskurse rund um das Thema Messerschmieden und hat seinen Sitz im südlichen Niedersachsen.

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