Frauenpower bei den Moorschmieden

Schmieden ist ein Männerhandwerk? Weit gefehlt! Bei den Moorschmieden im niedersächsischen Darlaten können auch Frauen mit Spaß am Zupacken ein Messer selbst schmieden, wie der erste reine Mädels-Kurs  Ende Juni bewies. 

Mit Katrin, Miss Jägerin 2015, Benia, Jungjägerin, Elke, angehende Jungjägerin, und Claudia, Redakteurin von Waffenmarkt-Intern, kamen vier vollkommen unterschiedliche Frauen zusammen, die unter der fachkundigen Anleitung und Hilfestellung von Wolf Schröppe in der Moorschmiede ihr eigenes Messer schmieden wollten. Genauso unterschiedlich sollten auch die Messer sein: Vom Jagdknicker zum Aufbrechen und Zerwirken über ein großes Küchenmesser bis zum feinen Filetierer reichte die Bandbreite der geplanten Einzelstücke. 

 

Die als Familienbetrieb geführte Moorschmiede wird von Familienoberhaupt Wolf Schröppe, seinem Schwiegersohn Reinhard Herrmann und seinen beiden Söhnen Wieland und Weking Schröppe geleitet. Seit 2016 bieten sie Messerschmiedekurse an, in denen die Teilnehmer am gesamten Prozess der Messerherstellung vom rohen Stahl bis zum fertigen Stück selbst teilhaben können. 

Los geht es für die vier Frauen am Freitagnachmittag – mit Zeichnen! Denn jedes Unikat beginnt mit einem Entwurf. Wie lang und breit soll die Klinge sein? Was für eine Griff-Form wird benötigt? Wie groß muss der Griff sein, damit er auch gut in der Hand liegt? Braucht man – beispielsweise zum Aufbrechen – ein Parierstück? Die Vorlage wird während des Kurses immer wieder herangezogen, um danach die Form des Messers Schritt für Schritt auszuarbeiten. 

Nach dem Festlegen der Form geht es in die heiße Phase. Die Teilnehmerinnen sind schon ein wenig froh, den zähen Stahl nicht mit der Hand schmieden zu müssen, trotzdem fordert der Federhammer Ajax 2 aus dem Jahr 1913 die volle Konzentration, um die nahezu quadratischen Metallpakete gleichmäßig in die Länge zu schmieden. Aus vierzehn Lagen besteht der Rohling nach dem ersten Arbeitsgang. Mit der Flex wird er anschließend blank geschliffen und in vier gleich große Stücke geteilt, danach wird er erneut mit dem Federhammer feuerverschweißt, wieder geflext, geteilt und verschweißt, sodass der Damaststahl am Ende aus 224 Lagen besteht. 

Schließlich haben die vier Frauen ein Stahlpaket in der Hand, das in Länge und Breite ihren Messern entspricht. Die gröbste Arbeit ist damit beinahe schon geschafft und man kann sich schon vage vorstellen, wie aus diesem Stahlpaket in den kommenden zwei Tagen ein Messer wird.

Der nächste Morgen beginnt wieder mit der Flex: den Rohling grob säubern, dann in der Topfschleifmaschine schleifen – mit sportlichem Schulterschwung – so lange, bis er die vorgesehene Stärke des Klingenrückens erreicht hat. Leichtes Anätzen mit 30-prozentiger Schwefelsäure liefert eine Vorschau auf die Maserung, die der fertige Damast hat. Alle vier sind von dem charakteristischen, doch bei jedem Messer individuellen Muster begeistert, und auch die Moorschmiede schauen neugierig, obwohl dieser Prozess für sie lange schon Routine ist. Abermals kommt die Papiervorlage zum Einsatz, um aus dem Rohling den Bereich auszuwählen, der später auf der Klinge zu sehen sein soll. Er wird ausgesägt und geschliffen, dann steht die Grundform des Messers.

Doch es steckt noch mehr Kunst in der Messerherstellung, denn auch der Griff wird aufwendig gestaltet. Mit der Wahl des Griffschalen-Materials beginnt ein wildes Hin- und Herüberlegen, Probieren und Anschauen. Viele Hölzer sind schön, aber welches hat die schönste Maserung und Farbe? Die Moorschmiede haben ein Verfahren entwickelt, in dem sie verschiedene Materialien stabilisieren können. Ausgewählte Hölzer werden unter Vakuum mit Harz stabilisiert und dadurch abriebfest, strukturstabil und wasserbeständig. Das gleiche Verfahren erlaubt es auch, viele andere Materialien zu nutzen. So hat Teilnehmerin Benia kein Problem bei der Auswahl des Griffmaterials: ihr Messergriff – als Premiere in der Moorschmiede – besteht aus in Epoxidharz gegossenen Mähnenhaaren ihres Pferdes. 

Wieder haben die Frauen einen rechteckigen Block vor sich, auf den sie mithilfe der jeweiligen Papiervorlage den Messergriff aufzeichnen. Mittels Säge und Bandschleifmaschine wird der Griff geformt, die Nietenlöcher werden positioniert und – soweit diese vorhanden sind – geschieht dasselbe mit den Backen aus Messing oder Edelstahl. 

Bei jedem Schritt steht Wolf Schröppe unterstützend zur Seite. Er kommt aus der Metallverarbeitung, war Bronzegießer, Freiformschmied, Kupfertreiber, Edelmetallgießer und kam darüber zum Messerschmieden. Die langjährige Erfahrung und seine Liebe zum Metall, aber auch seine 20-jährige Lehrtätigkeit sind immer wieder zu spüren und lassen die Teilnehmerinnen die Kunst hinter dem Messerschmieden ganz besonders erleben. 

Am Ende des zweiten Tages kann man erkennen, wie die Messer aussehen werden, alle Einzelteile sind vorbereitet. Die noch edelstahlsilberne Klinge wird angeschliffen, auf 820 °C erhitzt, im Ölbad schockartig abgekühlt und hat nach dem einstündigen „Anlassen“  bei 170 °C eine Härte von 60 bis 61 HRC.

Gemeinsam mit ihren Kursteilnehmerinnen lassen die Moorschmiede den Abend ausklingen. Allen ist anzumerken, dass der Tag höchste Konzentration gefordert hat.

Am dritten Tag wird es zuerst einmal ätzend: Die Klingen werden in heißer Schwefelsäure gebadet, wodurch das einzigartige Damaszenermuster sichtbar wird, das auf der Klinge wieder ganz anders wirkt als zuvor auf dem Rohling. Beim wilden Damast sind es unterschiedlich ausschlagende Schwingungen, die zu sehen sind; bei einer Klinge findet man gerade Linien mit einigen kleinen Wellen und durch eine spezielle Prägung nach dem letzten Schmiedegang schauen einen zahlreiche Augen an.

Nun werden alle Teile vernietet, verklebt und an der Bandschleifmaschine grob in die richtige Form gebracht. In Handarbeit geht es dann zunächst mit 180er, zuletzt mit 800er Schleifpapier an das feine Gestalten der endgültigen Griff-Form, die die Teilnehmerinnen in Millimeterarbeit genau an ihre Hände und Wünsche anpassen. Durch das Auftragen von Öl wird die durch das Schleifen matte Maserung der Griffhölzer schließlich sichtbar. Damit kommt zum ersten Mal die wirklich vollendete Schönheit der Messer zum Tragen.

Obwohl sie jetzt schon fertig aussehen, sind die Messer noch nicht einsatzfähig, denn das Wichtigste fehlt noch: die Schärfe. Wolf Schröppe zeigt, wie der für den Feinschliff so wichtige Grad an der Klinge entsteht und wie die Messer später selbst mit einem Schleifstein nachgeschärft werden können, sodass die Klingen zum Schluss den Papierschnitttest bestehen und das Papier tatsächlich schneiden und nicht reißen.

Drei Tage schmieden, schleifen, sägen und modulieren liegen hinter den vier Teilnehmerinnen und in den Händen halten sie ihr gebrauchsfertiges, rasiermesserscharfes Unikat, ihr selbst hergestelltes Wunsch-Messer! Was die Moorschmiede versprochen haben, haben sie gehalten: Ohne Vorwissen oder handwerkliche Ausbildung haben die Frauen unter fachkundiger Anleitung und Unterstützung Schritt für Schritt jede das Messer erstellt, das hervorragend in ihrer Hand liegt und genau den Zweck erfüllt, für den sie es gebrauchen wollen. 

Dabei fühlten sie sich in der durchweg familiären Atmosphäre spätestens am zweiten Kurstag am Grill bei Wildsteaks und hausgemachten Salaten wie zu Hause. Sie haben erlebt, welche Präzision und Kunstfertigkeit zum Messerschmieden erforderlich ist. Doch dank der zwar teilweise historischen, aber dennoch elektrischen Maschinen war bei allen Fertigungsschritten mehr Präzision als Kraft nötig, sodass das Messerschmieden bei den Moorschmieden keinesfalls nur Männersache ist. Die Teilnehmerinnen des Mädels-Kurses können allen Frauen – natürlich auch Männern – nur empfehlen, einmal die faszinierende Erfahrung zu machen, aus einigen Stahlplatten und stabilisiertem Holz das eigene Messer herauszuarbeiten und bei den Moorschmieden Messer und Messergriff ganz genau an die eigenen Bedürfnisse anzupassen. hb + cj

www.messer.moorschmied.de

www.youtube.com/watch?v=DSoECnsaDfY    

 

Man(n) schmiedet gerne in der Moorschmiede (s)ein Messer! Mann?

© Moorschmied
© Moorschmied

„In der Tat kommen zu unseren Seminaren fast nur Männer. Wir von der Moorschmiede wollten einmal aufzeigen, dass bei uns jeder sein eigenes Damastmesser schmieden kann!

Wir fanden vier Frauen, die mit Freude dabei waren. Da litt zwar der eine oder andere Fingernagel – ansonsten haben die vier „Mädels“ ihr Traumziel bravourös erreicht: ein einzigartiges, gebrauchsfertiges, den eigenen Arbeitsbedürfnissen angepasstes Messer zu schmieden und zu gestalten.

Große Unterschiede zu den vielen anderen Kursen habe ich nicht bemerkt. Vielleicht haben wir weitaus mehr gelacht als bei den reinen Männerkursen – das kann schon sein …

Dieser Frauenkurs hat wieder gezeigt, dass nicht nur das Endprodukt „Messer“, sondern auch das Erlebnis an sich außerordentlich ist: Alle unsere Kunden – ob Frau oder Mann – genießen die besondere Stimmung in der Schmiede, sie steigen völlig aus dem Alltag aus und finden Ruhe und Begeisterung in dem Werk der eigenen Hände.“

Schmied und Seminarleiter Wolf Schröppe

 

Das Kursangebot

Die Moorschmiede bieten verschiedene Kurse an, die vom kurzen Tageskurs bis zum mehrtägigen Intensivkurs gehen. Beim Tageskurs ist zeitlich nur das Fertigen eines recht einfachen Messers mit Monostahlklinge möglich, während die Damastmesser mit mehr oder weniger angepasstem Griff erst ab dem 2-Tages-Kurs geschmiedet werden können. Wer ein wirklich auf alle Bedürfnisse angepasstes Messer haben möchte, sollte den 3-tägigen Intensivkurs wählen. Bei langen Küchenmessern oder für jemanden, der sich um nichts kümmern möchte, bietet der Premium-Kurs Rundumversorgung und zudem die Erstellung besonderer Damastmuster. Ab diesem Jahr wird zudem ein Grundkurs „Klappmesser-Schmieden“ angeboten.