Das Mercator-Messer – ein Stück Geschichte in neuem Gewand

© Moorschmied
© Moorschmied

Seit über 100 Jahren wird das Mercator-Messer nahezu unverändert in Solingen hergestellt. Dieses Solinger Original wurde zunächst in der Messer- und Klingenschmiede Mercator Indiawerk Heinrich Kaufmann & Söhne produziert. Auch wenn es nicht als Armeemesser konzipiert war, lernte das Heer Kaiser Wilhelms die Qualitäten des Mercator schnell zu schätzen. Aus dieser Zeit stammt auch der Name „Kaiser-Wilhelm-Messer“. Da es nahezu unverwüstlich ist, wurde das Mercator-Messer früher von Generation zu Generation weitergegeben. So schaffte es auch den Sprung in die heutige Zeit. 

© Moorschmied
© Moorschmied

Noch heute wird es aufgrund seiner minimalistischen und soliden Art weltweit geschätzt. Das Messer mit dem stabilen Metallgriff wird von Hand montiert und vernietet. Das Ergebnis ist ein Taschenmesser in einer schmalen Bauart von rund sieben Millimetern. Das Mercator-Messer ist ein schlichtes Allzweck- sowie Tafelmesser.

Seit 1995 wird dieses robuste Taschenmesser von Otter in Solingen herstellt. Seine Form ist bis heute gleichgeblieben, ebenso wie seine Eigenschaften, mit denen es sich im Alltag auszeichnet: Zuverlässigkeit, Robustheit und Handlichkeit.

Neben den traditionellen Formen des Mercator-Messers finden sich auch einige neue Modelle, die sich zwar farblich abheben, aber immer noch die klassische Silhouette bewahren.

„Wir haben das Mercator in seiner historischen Form neu aufgelegt. Anstelle des klassisch schwarzen Stahlkastens besteht der Griff nun aus Messing oder Kupfer. Die edle Optik des Metalls wird durch den geprägten Otter komplettiert. Das Lederband ergänzt das Messer und sichert es vor Verlust. Trotz des eleganten Erscheinungsbildes verfügt auch dieses Mercator-Messer über die gewohnten Eigenschaften. Es ist schmal, funktionell und zuverlässig“, so Frank Rommel, Geschäftsführer der Otter-Messer GmbH. 

„An dieser Stelle, wo Tradition und Moderne, Altbewährtes und zeitlos Junges aufeinandertreffen, tritt Moorschmied mit seiner dazu passenden Philosophie auf den Plan“, so Wieland Schröppe vom Familienbetrieb Moorschmied. „Neben dem klassischen Mercator mit 100 Prozent Moorschmied-Damast in Klinge und Kasten präsentieren wir nun als Sonderedition auch das Kupfermodell mit Wurmrot™-Klinge.“

Wurmrot™ ist eine Moorschmied-Schmiedeverbundtechnik, bei welcher Lagen einer speziellen Kupferlegierung dem Stahlpaket beigefügt und die Metalle miteinander feuerverschweißt werden. Messerklingen aus diesem Material erhalten ein ästhetisch außergewöhnliches Aussehen, welches durch den Kontrast von rotem Kupfer und tiefschwarzem Klingenstahl zum Augengenuss wird. 

© Moorschmied
© Moorschmied

Wurmrot™ heißen diese Klingen in Anlehnung an den beinahe mythischen Begriff Wurmbunt, der vor etwa 1.500 Jahren von dem Gotenkönig Theoderich dem Großen geprägt wurde:

Wurmbunt beschreibt den Effekt einer sich bewegenden Schlange, eines Wurms, der an polierten Schwertklingen mit Torsionsschweißmustern im Licht sichtbar wird. Das Phänomen des sich bewegenden Wurmes auf zwei nordischen Schwertklingen wird in einem Brief von Theoderich, Gotenkönig in Ravenna (um 500 n. Chr.) beschrieben: 

„... ihre Mitte, mit schönen Vertiefungen ausgehöhlt, erscheint wie mit Würmlein gekräuselt, und hier spielen so mannigfache Schatten, dass man glauben möchte, das glänzende Metall sei mit vielen Farben verwoben. (...)“ 

„Der Wurmrot™-Damast kann in allen üblichen Mustern und als Torsion geschmiedet werden und steht nun auch für unsere Kleinserien im Klappmesser- und Steakbestecksegment unseren Kunden zur Verfügung“, so Wieland Schröppe. „Selbstverständlich ist die Mittellage der Wurmrot™-Klingen als Schneidlage aus hochwertigem Messerstahl geschmiedet, um die erstklassigen Schneideeigenschaften unserer Messer weiterhin gewährleisten zu können.“

Das limitierte Mercator Wurmrot™ von Otter-Messer und Moorschmied wird erstmalig auf der IWA 2020 vorgestellt. 

www.moorschmied.de

Wechselvolle Geschichte eines „Kaiser-Wilhelm-Messers“- Mercator

© Moorschmied
© Moorschmied

Im Jahr 1916 schickte mein Großvater Bruno Kern seinem Sohn Otto ein Stahl-Taschenmesser der Firma Mercator an die Front nach Frankreich. Dem damals jungen, erst 18-jährigen Soldat, leistete dieses gute alte Messer unzählige hervorragende Dienste.

Im Juni 1917 wurde mein Vater Otto schwer verwundet, er verlor sein Bein. Nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst befand sich das Messer noch unter den wenigen persönlichen Dingen, die er mit in seine Heimat Görlitz nach Schlesien nahm.

Als 14-jähriger Junge fand ich das „Mercator“ eines Tages auf dem Dachboden, in einer alten Holztruhe. Dort hatte mein Vater auch die anderen kleinen Dinge aus der Jugendzeit aufbewahrt. Ich durfte es behalten und war ganz stolz, es nun mein Eigen zu nennen.

Dieses Messer begleitete mich als Schüler, auf vielen Wanderungen durch das schlesische Riesengebirge und war stets mein zuverlässiger Begleiter.

Als ich im Juli 1944 zum Ost-Wall-Bau eingesetzt wurde, hatte ich es in meiner Hosentasche und es überstand mit mir drei Monate härtester Arbeit, in Dreck und Schweiß.

Im Dezember 1944 kommandierten sie mich ab und ich gelangte zum Volkssturm und daraufhin zum Arbeitsdienst. Als uns Jungen in den Folgemonaten die Wehrmacht übernahm, hatte ich besagtes Messer immer noch wohlbehalten in meiner tiefen Manteltasche.

Für mich bedeutete es ein Stück Heimat.

Am 3. Mai 1945 war für uns der Krieg zu Ende. Wir gerieten, wie viele tausende Soldaten, in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Alle metallähnlichen Dinge mussten abgegeben werden. Bei Zuwiderhandlungen setzte es empfindliche Strafen ...  Was für ein Elend!  Was sollte ich nun mit meinem Messer anstellen? Eine Trennung war für mich ausgeschlossen.

Wohlbehütet und ganz dicht an meinen Körper versteckt, überstand es alle noch so strengen Kontrollen. Da wir Kriegsgefangenen erst nach zwei Wochen täglich etwas zu essen bekamen: 10 Mann - 1 Brot, 5 Mann - 1Dose „Pork und Vegetable“), diente mein Messer monatelang allen Kameraden im Lager als Geheimtipp. Es öffnete hunderte Konservendosen und teilte unzählige Brote, sodass jeder seine gerechte Tagesration erhielt. Das Messer wanderte von Zelt zu Zelt und half den Kameraden bei allen täglichen Arbeiten. Keiner hat mich je verraten oder wäre neidisch gewesen. Wie leicht hätte es in diesen wirren Zeiten verloren gehen können. Doch am Abend hatte ich es wieder bei mir. Nach meiner Entlassung hatte ich dann das große Glück, als freier Mensch wieder mit meinem guten alten „Mercator“ meiner Wege zu gehen.

Nun sind viele Jahrzehnte vergangen und das treue „Stück“ hat mich tatsächlich bis in meine jetzige Heimat Köln begleitet. Ich bin froh und stolz, dass dieses besondere Erinnerungsstück noch immer seinen Zweck erfüllt. 

 

Erinnerungen notiert von H. Kern (2017)