Von der Kalaschnikow zur WIEGER, Militärwaffen­produktion in der DDR im Waffenmuseum Suhl

© Waffenmuseum Suhl
© Waffenmuseum Suhl

Der Name Kalaschnikow ist weltberühmt. Weniger bekannt ist, dass Waffen dieses Typs nach sowjetischer Lizenz und durch eigene Entwicklungen ergänzt im erzgebirgischen Ort Wiesa bei Annaberg-Buchholz gefertigt wurden. Heutige Ansätze wie Digitalisierung, Industrie 4.0, Kindergarten und Werksverkehr waren in den 1980er Jahren dort schon Realität. 

 

Der VEB (Volkseigene Betrieb) Geräte-und Werkzeugbau Wiesa hatte ein breites Zuliefernetzwerk, wobei das Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk Suhl und die Döbelner Blech-und Metallwarenwerke eine wesentliche Rolle spielten. Vor der Wiedervereinigung hatte der Betrieb in Eigenregie die Sturmgewehrfamilie WIEGER (Akronym aus Wiesa und Germany beziehungsweise Gerätewerk) entwickelt. Die Wieger konnte sich durch ihre Zuverlässigkeit, Präzision und Robustheit in verschiedensten Klimazonen gegen damalige Mitbewerber durchsetzen und sollte unter anderem mit zehn Millionen Stück bei der drittgrößten Armee der Welt eingesetzt werden. Die Ausstellung soll einen Überblick der Waffenmodelle, der Betriebsorganisation, Fertigungstechnologie und der damaligen politischen Situation des VEB Geräte- und Werkzeugbaus Wiesa (GWB Wiesa) geben.

 

Einbezug von Zeitzeugen

Zur Militärwaffenproduktion in der DDR gab es insbesondere in den 1990er Jahren verschiedene Veröffentlichungen. Leider hatten alle Autoren keinen Einblick in die internen Abläufe der „speziellen Produktion“, die unter der Bezeichnung der Rüstungsproduktion liefen. Deshalb waren fehlerhafte und zum Teil auch spekulative Darstellungen bei den Veröffentlichungen unvermeidlich. Die damalige Geheimhaltung dieses Industriezweiges erschwerte auch korrekte Publikationen in der Nachwendezeit. Für die Sonderausstellung im Waffenmuseum Suhl wurden deshalb frühere leitende Mitarbeiter des VEB GWB einbezogen, die zum Teil in der gesamten Bestehenszeit im VEB Geräte- und Werkzeugbau Wiesa tätig waren. 

 

Gesamte Waffenmodellpalette in der Ausstellung zu sehen

Durch eine Kooperation mit der Wehrtechnischen Studiensammlung Koblenz als Teil des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr sowie dem Militärhistorischen Museum Dresden als Leihgeber können fast alle Waffenmodelle des GWB sowie Forschungsmuster, Designstudien und Prototypen ausgestellt werden. Es wird eine der zehn ersten noch per Hand hergestellten Kalaschnikows bis hin zur Eigenentwicklung des Sturmgewehrs „Wieger“ ausgestellt.  

 

Hochtechnologie trotz Rohstoffmangel und Importembargo

Zu den ausgestellten Waffenmodellen wird in chronologischer Abfolge ein Einblick in die technologischen Entwicklungsetappen des GWB Wiesa gegeben. Es wird dargestellt, wie von zehn „Handmustern“ ausgehend über eine Nullserie von 80 Waffen, pro Jahr kontinuierlich gesteigert, ein leistungsfähiger Betrieb mit einer angedachten Kapazität von 200.000 Stück pro Jahr gewachsen ist. Vergleichbare Kapazitäten können selbst heute in Deutschland vorhandene Firmen nicht mehr erbringen. Beachtenswert ist, dass die verantwortlichen Konstrukteure und Technologen in der DDR mit Lizenzforderungen konfrontiert waren, die sich in der DDR nicht ohne Weiteres umsetzen ließen. Da der Lizenzgeber nur „Papier“ und auf Anforderung personelle Hilfeleistung, aber keine Materialien geliefert hatte, mussten erhebliche Anstrengungen unternommen werden, um mit den in der DDR vorhandenen Möglichkeiten die Qualität der Waffen sicherzustellen. Exemplarisch kann dafür das Problem der Holzteile stehen. Aber auch auf anderen Gebieten waren erhebliche Probleme zu bewältigen. So wurden beispielsweise spezielle Stähle in Sonderschmelzen hergestellt, spezielle Lacke entwickelt usw. Im Ergebnis all dieser Bemühungen wurden Waffen gefertigt, die dem Original des Lizenzgebers ebenbürtig waren. Im Verlaufe der Jahre konnten sogar Verbesserungen erreicht werden, die über das Niveau der Lizenz hinausgingen, so zum Beispiel die gegen den Kolben austauschbare Schulterstütze. Der Gebrauch einer Militärwaffe stellt höchste Anforderungen an Material und Fertigungstechnologie. Die verantwortlichen Ingenieure haben die Substitution von Materialien und Verfahren so gelöst, dass in Handhabung und Schützensicherheit keine Abstriche entstanden. Im Resultat wurden, wie auch in anderen Industriebereichen der DDR, langlebige Erzeugnisse geschaffen, welche durch ein Baukastensystem für verschiedene Einsatzfälle konfiguriert werden konnten. Interessant daran ist, dass 30 Jahre nach der Wiedervereinigung durch ein neues Umweltbewusstsein solche damaligen Ansätze wieder diskutiert werden. Die Ausstellung soll somit auch am Beispiel von Schützenwaffen einen Denkanstoß für die Entwicklung umweltbewusster Produkte geben.

 

Industrie 4.0 in den 1980er Jahren

Heutzutage werden die Schlagwörter Industrie 4.0, Digitalisierung oder auch Entwurfsautomatisierung mit einer modernen Produktfertigung assoziiert. Der GWB Wiesa hatte bereits in den 1980er Jahren im Rahmen der Einführung des Erzeugnisses AK-74 solche Technologien etabliert. Durch den Einsatz von Sondermaschinen, welche durch Industrieroboter bestückt wurden, konnte die Planfertigungskapazität von 200.000 Schützenwaffen vorgehalten werden. Internationale Gäste, welche damals das GWB Wiesa besuchten, äußerten, dass sie weltweit bisher noch keine modernere Waffenfertigung gesehen hatten. Im Rahmen der Ausstellungen werden neben einem Video auch Bilder der damaligen Sondermaschinen mit zugehörigen Erläuterungen gezeigt.

 

Reklamationsfrei: das Qualitätsmanagement des GWB Wiesa

Die in der DDR in Lizenz produzierten Kalaschnikow-Modelle werden bis heute in internationalen Armeen eingesetzt. Auch bei Sammlern von deaktivierten Originalwaffen wurden die in Wiesa gefertigten Kalaschnikows zu Höchstpreisen gehandelt. Die gute Reputation dieser Schützenwaffen beruht auf einer Kombination des robusten Kalaschnikow-Systems mit deutscher Qualitätsfertigung. In den letzten 17 Jahren wurde keine Werkslieferung beanstandet. Im Rahmen der Ausstellung soll ein Einblick gegeben werden, welche Maßnahmen unter anderem getroffen wurden, damit die DDR-Fertigung einen internationalen Ruf genießen konnte.

 

Mythos Sturmgewehr Wieger

Ein großes mediales Interesse um den GWB Wiesa wurde in Verbindung mit dem Sturmgewehr Wieger geweckt. Durch teilweise nicht sachgemäße Berichterstattungen haben sich um die Wieger verschiedene Verschwörungstheorien herausgebildet, welche bis heute Gegenstand von Diskussionen sind. Im Rahmen der Ausstellung soll Aufklärung über tatsächliche Fertigungszahlen, die Übergabe der gefertigten Waffen sowie die Gründe zur Vernichtung der Konstruktionsunterlagen und zugehöriger Produktionshilfsmittel gegeben werden. Tatsache ist, dass die Sturmgewehrfamilie Wieger durch Robustheit, Präzision, Durchschlagskraft bei unterschiedlichen klimatischen Bedingungen überzeugte. Indien hatte für die Ausrüstung seines Heeres verschiedene Sturmgewehre im „Nato-Kaliber“ 5,56 x 45 mm ausführlichen Erprobungstests unterzogen. Die Wieger konnte sich bei allen Tests als einzige Waffe durchsetzen und sollte mit einer Auflage von zehn Millionen Stück in Indien eingesetzt werden. Zur Demonstration dieser guten Gebrauchseigenschaften wird zur Ausstellung Videomaterial über einen Teil der Werkserprobung gezeigt. Ein Schwerpunkt der Ausstellung ist die Darstellung der Entwicklungsetappen und der dabei zu lösenden technischen Probleme. Diese Schritte werden in der Ausstellung anhand von Entwicklungs- und Designmustern bis zu den finalen Baukastenvarianten dargestellt. Trotz der vernichteten Konstruktionsunterlagen konnte in Zusammenarbeit mit der WTS Koblenz, dem Militärhistorischen Museum Dresden und der Unterstützung der damaligen Entwickler ein digitaler Zwilling der WIEGER 941 erstellt werden, welcher als 3D-Animation zur Ausstellung gezeigt wird.

 

Waffenexporte in der DDR

Bei bisherigen Berichterstattungen zur Militärwaffenproduktion in der DDR standen meistens die Waffenexporte stark im öffentlichen Fokus. Die dahinterstehenden technischen Leistungen rückten somit in den Hintergrund und wurden teilweise nur in Fachkreisen diskutiert. Im Resultat gab es zum brisanten Thema Waffenexport viele pauschale Verurteilungen ohne die Kenntnis tatsächlicher Zahlen im internationalen Vergleich oder der personellen Verantwortlichkeiten. In den letzten acht Jahren vor der Wiedervereinigung beliefen sich alle DDR-Waffenexporte nach Aussage von Alexander Schalck-Golodkowski auf rund 650 Millionen in der Währung DM. Im ersten Halbjahr 2019 genehmigte die Bundesrepublik Deutschland Rüstungsexporte für 5,3 Milliarden Euro. Dies allein zeigt eine völlige Überbewertung der DDR-Waffenexporte. Die damaligen Entscheidungen für DDR-Waffenexporte oder Militärhilfen wurden von höchster Stelle in Berlin getroffen. Die Belegschaft in den Rüstungsbetrieben hatte darauf keinen Einfluss. Teilweise hatten Mitarbeiter vor ihrer Anstellung keine Kenntnis über das zu fertigende Produkt. Im Rahmen der Ausstellung wird der wissenschaftliche Weg verfolgt. Gemeinsam mit einem Experten des Zentrums für Militärgeschichte der Bundeswehr wurden diese Fakten entsprechend aufbereitet. 

 

Informationen zu deaktivierten Kalaschnikows und zu Kriegswaffen

Neben dem Hauptthema der Ausstellung werden auch Informationen zu deaktivierten Kriegswaffen am Beispiel der Kalaschnikow gegeben, da diese noch weltweit die am häufigsten eingesetzte Kriegswaffe ist. Somit existieren vielfältige geänderte sogenannte deaktivierte Waffen, welche durch mechanische Änderungen ihre Fähigkeit als Waffe verloren haben. Durch verschiedene Vorkommnisse wurden insbesondere in den letzten Jahren die Gesetze für solche „Dekowaffen“ geändert. In der Ausstellung werden verschiedene Stufen der Deaktivierung gezeigt. Ebenfalls wird ein kurzer Überblick zur Definition von Kriegswaffen und zum zugehörigen Kriegswaffenkontrollgesetz gegeben.

Somit soll die Ausstellung auch das Interesse von Besuchern wecken, welche im Hinblick auf die Thematik der unbrauchbar gemachten Kriegswaffen verunsichert sind und sich hierzu informieren möchten. 

www.waffenmuseum.eu 

Kontakte

Waffenmuseum Suhl

Jörg Schulze

joergschulze@waffenmuseum.eu

 

Kurator

Prof. Dr. Rigo Herold

E-Mail: info@stg940.de