Messerporträt: Federmesser

 

Christoph Daim schreibt über handgemachte Messer. Er ist Mitglied der Deutschen Messermacher Gilde und hat dort die Funktion des Lektors übernommen. Für WM-Intern schreibt er aus der Sicht des Messermachers über ausgefallene und kunstvolle Messer. 

www.viennablade.com

www.deutsche-messermacher-gilde.de

Hochmoderner Klingenstahl in Kombination mit Körperteilen eines tropischen Urzeit-Krebses: ein kleines, leichtes Messer von Christoph Daim mit 9 cm Klingenlänge und 20 cm Gesamtlänge. © Christoph Daim
Hochmoderner Klingenstahl in Kombination mit Körperteilen eines tropischen Urzeit-Krebses: ein kleines, leichtes Messer von Christoph Daim mit 9 cm Klingenlänge und 20 cm Gesamtlänge. © Christoph Daim

Auf Ausstellungen erlebe ich es immer wieder, dass besonders kleine Messer auf den ersten Blick gar nicht als Messer wahrgenommen werden. Sie werden eher für Spielzeug gehalten, für Zahnstocher oder Brieföffner.

Heutzutage ist ein Messer scheinbar erst dann ein Messer, wenn es wie die Requisite aus einem Rambo-Film aussieht. Dabei gibt es bei uns eine lange Tradition zierlicher kleiner Messer, die bereits seit dem Mittelalter sehr verbreitet waren. Ihre Aufgabe war es, die Federkiele der damaligen Schreibgeräte in Form zu schneiden. Und bis in die 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein gibt es Beispiele kleiner, nur scheinbar fragiler Messer, die oft im Set als „Obstmesser“ immer wieder mal auf Flohmärkten auftauchen. Sie gehören zu einer verschwindenden Nachkriegskultur, die auch Likörgläser besessen und benutzt hat. Das abgebildete Messer ist ebenfalls klein und zierlich und hat darüber hinaus weitere Besonderheiten: Die Klinge besteht aus Nitrobe 77, ein ohne Kohlenstoff (auf Stickstoffbasis) härtender, rostfreier Stahl. Auch das Griffmaterial ist sehr ungewöhnlich: Es ist Pfeilschwanzkrebs (Limulus), genau genommen die Schwanzspitze des Tieres. Die Tiere wurden nach einem tropischen Sturmereignis tot in Mexiko an den Strand gespült und, um keine natürlichen Ressourcen zu verschwenden, habe ich sie zu diesem einzigartigen Griffmaterial verarbeitet.